8 Minuten Lesezeit · Oktober 2026

    Traumreise für Kinder: so leitest du sie an, mit Text zum Vorlesen

    Raluca Baciu

    Von Raluca Baciu

    Mitgründerin von Wunderli

    Aktualisiert

    Eine Traumreise für Kinder ist eine kurze, langsam gesprochene Beschreibung eines ruhigen Ortes, die sich dein Kind im Liegen vorstellt, ohne selbst etwas tun zu müssen. Anders als bei einer Geschichte gibt es keine Handlung, die auf eine Lösung zuläuft: Es gibt nur Bilder und das Gefühl im eigenen Körper. Oft heisst sie auch Fantasiereise. Hier findest du, wie du eine anleitest, was du weglässt, einen ganzen Text zum Vorlesen und wann du besser etwas anderes machst.

    Was eine Traumreise von einer Gute-Nacht-Geschichte unterscheidet

    Eine Geschichte erzählt, was einer Figur passiert. Eine Traumreise spricht dein Kind direkt an: «Du gehst über eine Wiese. Unter deinen Füssen ist das Gras warm.» Sie steht in der Gegenwart, sie hat keinen Gegner und keine Frage, die beantwortet werden muss. Dein Kind ist nicht Zuschauer, sondern bei sich selbst, in seinem Bett.

    Darum passt die Traumreise an einen anderen Punkt im Abend. Eine Gute-Nacht-Geschichte trägt ein Kind, das noch zuhören will. Eine Traumreise passt, wenn es schon liegt und der Körper ruhiger geworden ist. Ist dein Kind noch aufgedreht, kommt zuerst etwas für den Körper. Übungen dafür stehen unter Entspannung für Kinder.

    So leitest du eine Traumreise an

    Vorbereiten. Dimme das Licht so weit, dass du den Text noch lesen kannst, oder lerne ihn grob auswendig. Dein Kind liegt so, wie es bequem ist. Es muss die Augen nicht schliessen. Sag vorher einen Satz dazu, was kommt: «Ich erzähle dir jetzt von einem Ort. Du musst nichts machen, nur zuhören.»

    Stimme. Sprich tiefer und leiser als sonst, aber nicht flüsternd, denn Flüstern strengt das Zuhören an. Halte die Stimme gleichmässig. Keine Figurenstimmen, keine Betonung wie bei einer spannenden Stelle.

    Tempo. Ein Satz, dann eine Pause von etwa einem ruhigen Atemzug deines Kindes. Achte auf seinen Atem und nicht auf deinen. Wenn es langsamer atmet, wirst du auch langsamer.

    Länge. Für den Anfang reichen drei bis fünf Minuten. Eine kurze Traumreise, die ruhig endet, ist besser als eine lange, bei der dein Kind nach der Hälfte zu kommentieren beginnt.

    Ende. Am Abend holst du dein Kind nicht zurück. Du endest im Bett, warm und schwer, und bleibst noch einen Moment still sitzen. Tagsüber, etwa nach der Schule, schliesst du dagegen mit einem klaren Rückweg: Hände zu Fäusten machen, strecken, Augen auf.

    Was du in einer Traumreise weglassen solltest

    • Bilder mit Höhe oder Tiefe. Fliegen, hoch oben stehen, tauchen oder ins Wasser gehen können bei manchen Kindern ein Gefühl von Fallen auslösen. Bleib auf dem Boden.
    • Dunkle oder enge Orte. Höhlen, Keller, ein dichter Wald in der Nacht. Wähle helle, offene Orte mit Wärme.
    • Plötzliche Ereignisse. Kein Tier, das auftaucht, kein Geräusch, das überrascht. Alles, was kommt, kommt langsam und geht wieder.
    • Befehle an das Gefühl. «Du bist jetzt ganz entspannt» setzt ein Kind unter Druck, das es noch nicht ist. Beschreibe lieber, was der Körper tun kann: «Deine Hände dürfen liegen bleiben.»
    • Fragen. «Was siehst du?» verlangt eine Antwort und weckt auf. Wenn du die Lieblingsfarbe oder das Lieblingstier einbauen willst, frag vor dem Start.
    • Zu viele Bilder. Ein Ort mit wenigen Dingen reicht. Wenn du zu viel beschreibst, wird aus der Traumreise eine Aufzählung.

    Traumreise zum Vorlesen: Die warme Wiese

    Etwa fünf Minuten. Wo «(Pause)» steht, wartest du einen ruhigen Atemzug lang.

    Leg dich so hin, wie es für dich gerade bequem ist. Du kannst die Augen zumachen oder offen lassen. (Pause)

    Spür, wie die Matratze dich trägt. Deine Füsse liegen da, und dein Rücken liegt da. Die Decke ist warm. (Pause)

    Stell dir vor, du stehst am Rand einer grossen Wiese. Es ist später Nachmittag, und die Sonne steht schon tief. Das Gras ist weich und reicht dir bis zu den Knöcheln. (Pause)

    Du gehst ein paar Schritte. Jeder Schritt ist langsam. Unter deinen Füssen ist das Gras warm von der Sonne. (Pause)

    In der Mitte der Wiese steht ein grosser Baum. Unter dem Baum liegt eine Decke in deiner Lieblingsfarbe. Du setzt dich darauf. Dann legst du dich hin. (Pause)

    Unter deinem Rücken spürst du die Decke und darunter den Boden. Der Boden ist fest. Er trägt dich, ohne dass du etwas dafür tun musst. (Pause)

    Über dir bewegen sich die Blätter, ganz leise. Zwischen den Blättern siehst du manchmal ein Stück Himmel. (Pause)

    Ein kleiner Wind kommt über die Wiese. Er streicht über deine Arme und über deine Hände. Deine Hände werden schwer und warm und bleiben einfach liegen. (Pause)

    Auch deine Beine werden schwer. Sie sinken ein kleines Stück in die weiche Decke ein. (Pause)

    Irgendwo summt eine Hummel. Sie fliegt weiter, und ihr Summen wird leiser, bis du es nicht mehr hörst. (Pause)

    Du atmest ein. Und du atmest aus. Du musst nichts dafür tun, das Atmen geht von allein. Dein Bauch hebt sich ein wenig und senkt sich wieder, wie eine kleine Welle am Ufer. (Pause)

    Die Sonne wird orange. Die Schatten auf der Wiese werden länger. Der Wind wird langsamer, und die Blätter über dir bewegen sich kaum noch. (Pause)

    Du liegst auf deiner Decke unter dem Baum. Hier ist es ruhig. Hier musst du nichts mehr machen. (Pause)

    Diese Wiese bleibt da. Wenn du die Augen zumachst, kannst du jederzeit wieder hierherkommen. (Pause)

    Jetzt spürst du wieder dein Bett, dein Kissen und die Decke über dir. Du bleibst einfach liegen, so warm und so schwer, wie du gerade bist.

    Traumreise nach Alter: was sich ändert

    Kleinkinder. Eine echte Traumreise ist in dieser Phase meist noch zu abstrakt. Besser funktionieren ein oder zwei Bilder, verbunden mit Berührung: «Ein Blatt fällt ganz langsam auf deinen Bauch», während deine Hand dort liegen bleibt. Eine Minute ist genug, Wiederholung jeden Abend hilft.

    Kindergartenalter. Bleib bei vertrauten Dingen: Wiese, Strand, ein Bett aus Moos, ein ruhiges Tier, das nur daliegt. Drei bis fünf Minuten. Wenn dein Kind etwas dazwischen sagt, nimm es kurz auf («Ja, die Decke ist rot») und sprich ruhig weiter.

    Erste Schuljahre. Die Traumreise darf länger werden, etwa fünf bis acht Minuten, und mehr Körper einbeziehen: Füsse, Beine, Bauch, Arme nacheinander. Vor dem Start kann dein Kind ein Detail bestimmen, etwa die Farbe der Decke oder das Tier, das am Rand der Wiese schläft.

    Ältere Grundschulkinder. Manche finden das Wort «Traumreise» jetzt kindisch. Nenne es anders, zum Beispiel «Kopfpause». Wähle Orte, die nicht nach Kleinkind klingen, etwa ein Steg am See oder eine Berghütte am Abend. Viele mögen es, einen Ort selbst auszusuchen und ihn sich danach ohne dich vorzustellen.

    Wann eine Traumreise nicht passt

    • Dein Kind ist noch aufgedreht. Dann wird aus dem Zuhören Stillhalten, und das gelingt nicht. Erst Muskelarbeit, zum Beispiel Hände gegen die Wand drücken, dann die Traumreise.
    • Es kommentiert jeden Satz. Das ist kein Scheitern, sondern ein Zeichen, dass es heute lieber eine Geschichte mit Handlung hört. Wechsle ohne Kommentar.
    • Es hat gerade eine Phase mit Angst oder schlechten Träumen. Innere Bilder können dann auch unruhige Bilder wecken. Lass die Augen offen, das Licht etwas heller, und halte die Traumreise sehr kurz. Mehr dazu unter Albträume bei Kindern.
    • Es will nicht. Zwinge keine Traumreise auf. Eine Übung, die dein Kind ablehnt, wird zum Streitpunkt am Abend. Probiere es an einem anderen Tag wieder, ohne Ankündigung.
    • Nach einem Streit. Zuerst braucht es Nähe und einen Satz wie «Das war gerade viel». Eine Traumreise direkt danach wirkt wie ein Themenwechsel.

    Wenn dein Kind über Wochen schlecht einschläft, tagsüber erschöpft wirkt oder du dir Sorgen machst, sprich mit deiner Kinderärztin oder deinem Kinderarzt. Eine Traumreise ist eine Abendübung, keine Behandlung.

    Wo die Traumreise im Abend ihren Platz hat

    Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit empfiehlt auf kindergesundheit-info.de (Stand 11. Oktober 2025), sich in der letzten halben Stunde vor dem Einschlafen Zeit für das Kind zu nehmen und ein regelmässiges Einschlafritual zu pflegen. In der letzten Stunde vor dem Zubettgehen sollen starke Reize und vor allem Bildschirmmedien vermieden werden. Für Kinder, die besonders schwer zur Ruhe kommen, nennt die Seite ausdrücklich spezielle Entspannungsübungen. Eine Traumreise lässt sich in diese halbe Stunde gut einbauen, am besten immer an derselben Stelle, etwa nach dem Licht-aus und vor dem letzten Gute-Nacht.

    Wer danach noch etwas hören möchte, kann eine Geschichte anschliessen. Mit Wunderli gestaltest du als Elternteil Figuren, Welt und Stimmung aus den Ideen deines Kindes, zum Beispiel eine sehr ruhige Stimmung. Wunderli schreibt die Geschichte und erzählt sie als Hörspiel, offline und mit ausgeschaltetem Bildschirm. Am Ende startet nichts automatisch. Weitere Möglichkeiten für den Abend findest du unter Einschlafhilfe für Kinder.

    Quellen

    1. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), kindergesundheit-info.de: So fallen Zubettgehen und Einschlafen leichter (2025)

    Häufig gestellte Fragen

    Meist keiner. Beide Begriffe meinen eine langsam gesprochene Beschreibung eines ruhigen Ortes, die sich ein Kind vorstellt, ohne selbst etwas zu tun. Welcher Begriff verwendet wird, ist vor allem Gewohnheit.

    Für den Anfang drei bis fünf Minuten. Mit Übung und in den ersten Schuljahren kann sie fünf bis acht Minuten dauern. Hör lieber zu früh auf als zu spät, solange dein Kind noch ruhig zuhört.

    Sobald dein Kind einem kurzen Text im Liegen folgen kann, meist im Kindergartenalter. Vorher funktionieren ein oder zwei Bilder mit Berührung besser als eine ganze Traumreise.

    Nimm das Gesagte kurz auf und sprich ruhig weiter. Redet es weiter, ist heute eher eine Geschichte mit Handlung dran. Wechsle ohne Kommentar und versuche die Traumreise an einem anderen Abend.

    Dieser Artikel beschreibt, was in vielen Familien funktioniert. Er ist keine medizinische Beratung und ersetzt sie nicht. Wenn dein Kind über Wochen schlecht schläft, tagsüber stark erschöpft wirkt oder du dir Sorgen machst, sprich mit deiner Kinderärztin oder deinem Kinderarzt.